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Rohingya-Konflikt hat Wurzeln in der Kolonialzeit

Von Marion THIBAUT

Bangkok (AFP) sp/ck - Vor Beginn der jüngsten Fluchtwelle lebten etwa eine Million Rohingya in Myanmar. Die Wurzeln des Konflikts zwischen der muslimischen Minderheit und der buddhistischen Mehrheit reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück.

SEIT WANN LEBEN MUSLIME IN DER REGION?

Diese Frage spaltet die Historiker. Einige gehen davon aus, dass die Rohingya bereits vor Jahrhunderten das Gebiet des heutigen Bundesstaates Rakhine besiedelten. Demnach sind die Rohingya die Nachfahren arabischer, türkischer und mongolischer Kaufleute und Soldaten. Diese muslimische Minderheit lebte im damaligen Königreich Arakan in Frieden mit der buddhistischen Mehrheit, einige waren sogar Berater am Königshof.

 

Andere Historiker betrachten die Rohingya als Einwanderer aus dem benachbarten Bangladesch - eine Auffassung, die die meisten Menschen in Myanmar teilen. Demnach siedelten die britischen Herrscher im 19. Jahrhundert Bauern aus dem muslimischen Bangladesch in Myanmar an. Habe der Anteil der Muslime in der Region Rakhine 1869 noch fünf Prozent betragen, sei er 1912 bereits auf |über 30 Prozent gestiegen, sagt der Historiker Jacques Leider und stützt sich dabei auf eine britische Volkszählung.

WANN GAB ES DIE ERSTEN KONFLIKTE?

Die britischen Kolonialherren bevorzugten die Rohingya und schürten damit Konflikte zwischen den Volksgruppen gezielt, um die Bevölkerung zu spalten und dadurch die eigene Macht zu festigen. In den Augen der Myanmarer seien die Rohingya dadurch zu Volksvertretern geworden, sagt Sophie Boisseau du Rocher, Südostasien-Expertin am Französischen Institut für Internationale Beziehungen

(Ifri).

Während des Zweiten Weltkrieges stachelte Großbritannien die Muslime gegen die buddhistischen Nationalisten im Land auf, die sich mit Japan verbündet hatten. "Die britische und die japanische Armee nutzten die bestehenden Spannungen und Feindseligkeiten in der Bevölkerung für ihre eigenen militärischen Ziele", sagt der Wissenschaftler Moshe Yegar, der ein Buch |über Muslime in Myanmar geschrieben hat. Als die Briten 1942 aus der Region abzogen, eskalierte die Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen.

WARUM FLOHEN DIE ROHINGYA?

Die Verfassung von 1947 erkannte die Rohingya an und gewährte ihnen das Wahlrecht. Die ab 1962 herrschende Militärdiktatur schränkte die Rechte der ethnischen Minderheiten wieder ein. 1978 und 1991/92 ging das Militär gegen die Rohingya vor, 250.000 Menschen flohen vor der Gewalt nach Bangladesch.

Einige von ihnen kehrte später wieder nach Myanmar zurück - nach Einschätzung des UNHCR nicht freiwillig. 1982 wurde den Rohingya die Staatsangehörigkeit entzogen.

Seit der Öffnung des Landes 2011 erstarkte der buddhistische Extremismus.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Rohingya 2012 wurden mehr als

200 Menschen getötet. 120.000 vertriebene Rohingya suchten Zuflucht in Lagern nahe der Regionalhauptstadt Sittwe. Viele leben noch heute dort, andere gingen ins Exil. Bei der Flucht |über den Golf von Bengalen ertranken Tausende.

Im Oktober 2016 verübte die Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa) erstmals Angriffe auf Soldaten. Die Armee reagierte darauf mit einem massiven Einsatz. Rund 87.000 Rohingya flohen nach Bangladesch. Als Arsa-Rebellen Ende August erneut Sicherheitskräfte in Rakhine attackierten, reagierte die Armee wiederum mit Gewalt. Seitdem suchten der UNO zufolge mehr als 400.000 Menschen Zuflucht im Nachbarland.